Wenn nach einer großen Belastung die "Seele" erkrankt
Der Mensch ist Tag für Tag diversen Belastungen ausgesetzt. Aktiv oder passiv erlebt er diverse Situationen, die ihn entweder psychisch und/oder physisch mitnehmen.
So müssen wir uns derzeit zum Beispiel mit dem Kosovo-Krieg und seinen tragischen Auswirkungen auseinandersetzen. Auch Naturkatastrophen sind in unserem Land leider nicht völlig zu vermeiden (Lawinen- und Hochwasserkatastrophen). Auch mit Gewalttaten sind wir fast jeden Tag konfrontiert: sexueller Missbrauch, Überfall, Entführung, technische Katastrophen, Verkehrsunfälle, etc. Ganz zu schweigen von schweren körperlichen und seelischen Belastungen, wie sie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Hirnschlag, Schock, schwerste Schmerzzustände, Verbrennungen usw. nach sich ziehen können. Manchmal reicht es sogar, Entsetzliches aus nächster Nähe miterleben zu müssen.
Die Folge ist gar nicht selten eine "Schockreaktion" mit einem überaus komplexen Beschwerdebild. Das kann nur einige Stunden, Tage oder Wochen anhalten, das kann aber auch das halbe Leben überschatten, vor allem abhängig von Schweregrad und individueller Belastbarkeit.
Wie äußert sich dieses Krankheitsbild, und was kann man dagegen tun?
Belastende Ereignisse führen zu Angst. Das ist normal und verständlich. Allerdings kann sich daraus auch eine länger anhaltende Angststörung entwickeln. So etwas nennt man heute eine posttraumatische Belastungsreaktion, wenn sie nur einige Wochen anhält bzw. eine posttraumatische Belastungsstörung, wenn sie den Menschen über längere Zeit quält.
Solche Reaktionen und ihre Folgen gibt es seit Bestehen der Menschheit. In Kriegs- und Krisenzeiten waren sie häufiger, wurden aber noch weniger beachtet als heute. Inzwischen ist man sensibler geworden und beginnt, Ursachen und Folgen zu untersuchen. Und man bietet gezielte Betreuungs- und Behandlungsmöglichkeiten.
Was zählt zu den Extrembelastungen?
Eine Extrembelastung kann bezüglich Schweregrad, Häufigkeit und Folgen einer ganz unterschiedlichen, eben individuellen, den Möglichkeiten und Grenzen der jeweiligen Person entsprechenden Wertung unterliegen. Das sollte man nie vergessen, wenn man in die Gefahr gerät, mit subjektiven Maßstäben zu messen ("Denken Sie doch an das Gemetzel in..."). Was kann alles dazugehören?
Individuelle Gewalteinwirkung: Überfall, Entführung/Geiselnahme, Folterung, Terroranschlag, Kriegsgefangenschaft, Konzentrationslager, Vergewaltigung, sexueller Missbrauch, andere Gewalttaten, selbst ein schwerer Unfall...
Augenzeuge von Gewalteinwirkung, wie sie oben aufgeführt wurde: Überfall, Krieg,
Katastrophe, Unfall usw.
Kollektive Gewalt: kriegerische Auseinandersetzungen, vor allem Bürgerkrieg, Vertreibung, Flucht u. a.
Naturkatastrophen: Erdbeben (wirkt besonders verunsichernd, da sich das scheinbar Festeste und Sicherste, der Erdboden, als unzuverlässig erweist), ferner Vulkanausbrüche, Großbrände, Dammbrüche und Überschwemmungen, Lawinen, Gebirgsunfälle, etc.
Technische Katastrophen: Verkehrsunfälle im Straßen-, Schiffs- und Bahn-Verkehr, Nuklearunfälle, Chemie- und Elektrounfälle, usw.
Schwere körperliche und seelische Belastungen: Verbrennungen, Herzinfarkt, Herzstillstand, Hirnschlag, Schock, schwerste Schmerzzustände, Verletzungen, Verstümmelungen, gegebenenfalls schon die Diagnose/Mitteilung eines belastenden Ereignisses, einer schweren Erkrankung. Dies auch bei anderen (vor allem außenstehenden) Personen: Krankheit, Tod, Gewalttat, Katastrophe; manchmal auch der unerwartete Anblick eines toten Körpers oder Körperteils.
Beschwerdebild
Hauptmerkmal der posttraumatischen Belastungsreaktion bzw. -störung ist die Entwicklung charakteristischer Symptome, nachdem man mit einem extremen traumatischen Ereignis konfrontiert wurde (vom griechischen Trauma = Verletzung, Wunde, dh. im übertragenen Sinne starke seelische Erschütterung). Dies sind vor allem intensive Angst, Hilflosigkeit oder Entsetzen, bei Kindern auch verwirrtes oder unruhig-getriebenes Verhalten. Ein besonderes Problem ist das anhaltende Wiedererleben des dramatischen Ereignisses, die konsequente Vermeidung von Reizen, die damit assoziiert werden, eine "Verflachung des Gemütslebens" sowie eine erhöhte seelisch-körperliche Anspannung. Im einzelnen:
Ständiges, fast zwanghaftes, überwältigendes, jedenfalls nicht abschüttdelbares Wiedererinnern mit ängstlicher Erregung, Anspannung, mit Alpträumen, starker Furcht oder gar Panikanfällen.
Gelegentliches Gefühl, als ob sich das belastende Ereignis gerade wiederholt hätte - mit allen (früheren) Reaktionen; manchmal nur aufgrund eines belanglosen Auslöse-Reizes aus der Umgebung oder aufgrund reiner Vorstellung, bisweilen auch plötzlich und ohne nachvollziehbare Ursache.
Verlust an Lebensfreude, Interesse, Aktivität, Initiative, Kreativität, Schwung, Dynamik, usw.
Zunahme von Resignation, unbestimmter Angstbereitschaft, Unlust, Gleichgültigkeit bis zur Teilnahmslosigkeit.
Nachlassende Schwingungsfähigkeit im Gemütsleben. Zunehmende Unfähigkeit, die früheren Gefühle zu empfinden und zu äußern ("psychische Abgestumpftheit"). Dadurch Eindruck der Ablösung oder Entfremdung von den anderen. Zuletzt resignierend, hoffnungslos, ja wie betäubt, mit dem Ausdruck einer dauernden Gefühlsabstumpfung.
Meiden von Aktivitäten und Situationen, sogar Vermeidung aller Gedanken und Gefühle, die an das erlittene Ereignis erinnern könnten, selbst im weitesten Sinne. Sogar Furcht vor entsprechenden Stichworten. Trotzdem Unfähigkeit, sich von Ursache, Schrecknissen und Ängsten willentlich zu distanzieren oder gar zu befreien.
Schwindende Anteilnahme an aktuellen Ereignissen bzw. an der Umwelt schlechthin, damit Rückzugs- und Isolationsgefahr.
Durch die emotionale Ertaubung und damit reduzierte Fähigkeit, Gefühle zu empfinden, Einbußen im Intim- und Sexualbereich, beginnend mit der Unfähigkeit, Zärtlichkeit zu empfinden und endend mit Libido- und Potenzstörungen.
Vegetative Übererregbarkeit mit übersteigerter Wachsamkeit, Anspannung, dadurch zunehmend nervös, fahrig und vermehrt schreckhaft.
Ein- und Durchschlafstörungen sowie Früherwachen. Im Schlaf immer wieder aufdringliche, belastende Träume, in denen das Erlebnis nachgespielt wird.
Bisweilen dramatische Ausbrüche von Angst oder Aggressionen, ausgelöst durch entspre- chende Erinnerungen (zB. Jahrestags-Reaktionen) oder ähnliche Situationen, Verstärkung der Beschwerden, die dem Ereignis auch nur von Ferne gleichen oder es symbolisieren könnten: bestimmte Witterungslagen (Regen, Hitze, Schnee), Uniformen, Böllerschüsse, Umzüge, kasernenähnliche Gebäude, Baracken, usw.
Zwangsgedanken, gegebenenfalls Zwangshandlungen
Merk- und Konzentrationsstörungen, die fast organisch anmuten (zB. wie nach Kopfunfall oder wie bei der Gehirngefäßverkalkung); dadurch zunehmende Leistungsminderung.
Versuch, die eigene prekäre Lage gegenüber den Mitmenschen zu verbergen. In bestimmten Situationen allerdings (zB. Gedenktage, symbolische Geschehnisse ...) kommt es manchmal zu heftigen, anklagenden, wütenden, aber auch resignierten Reaktionen, ggf. auch zu Selbsttötungsgedanken (zB. wegen Schuldgefühlen als Überlebender).
Bisweilen eigentümliche Phänomene, besonders nach plötzlicher Todeskonfrontation, die mit "Todesnähe-Erfahrungen" (Nahtod-Erlebnisse), Empfindung der "Außer-Körperlichkeit", "Rückblick- oder Panorama-Erlebnissen" usw. umschrieben werden.
Therapie
Die Therapie ist hier besonders schwierig. Zum einen schmerzt das Unverständnis der Umgebung, die über die Erfahrung des Traumatisierten einfach nicht verfügt. Hier gibt es oft keine Brücke der Verständigung, so zB. bei Folter-Opfern. Zum anderen drohen die erwähnten unkontrollierbaren Selbstbehandlungsversuche mit Alkohol, Nikotin, Rauschdrogen und Medikamenten, oft mit mehreren zugleich. Das führt zu zusätzlichen zwischenmenschlichen, familiären, beruflichen und sonstigen Komplikationen. Wichtig ist die Erkenntnis, dass es sich offenbar um ein seelisch regelrecht "eingebranntes" Ereignis handelt, das also nicht mehr ohne weiteres aus den Gehirnstrukturen gelöscht werden kann.
Deshalb ist grundsätzlich zweierlei wichtig:
Viel sprechen und miteinander reden.
Viel körperliche Bewegung, konkret: gehen, joggen, Fahrrad fahren, usw. Am günstigsten scheinen jene Tätigkeiten zu sein, bei denen man Wegstrecken hinter sich lassen kann. Das
hilft gleichsam auch, die furchtbaren Erinnerungen "hinter sich zu lassen". Auf jeden Fall ist
körperliche Aktivität angst-, depressions- und spannungslösend. Das gilt es zu nutzen.
Hat man darüber hinaus noch eine Vertrauensperson, sollte man sie bitten, für entlastende Gespräche verfügbar zu sein. Das ist für keine Seite einfach. Zum einen ist der Inhalt unangenehm, zum anderen dreht sich nach und nach alles im Kreise, wiederholen sich die Ängste, die hilflosen oder wütenden Reaktionen, die Vorwürfe, die Angstträume und die Neigung zu Rückzug und Isolation. Manchmal ist es deshalb besser, man kann sein Problem auf mehrere Vertrauenspersonen verteilen, weil eine einzige oft überfordert ist. Besonders wichtig sind solche entlastenden Gespräche, wenn das Opfer beginnt, sich ängstlich und resigniert zurückzuziehen oder wenn es Schuldgefühle entwickelt, zB. Überlebens-Schuldgefühle ("Warum gerade ich").
Wichtig bei solchen Gesprächen ist auch, dass der "Hilfstherapeut" eine verständnisvolle, nicht wertende und dafür positive Gesprächsatmosphäre schaffen kann, so gut es eben geht.
Wichtig ist auch: Verständnis aufbringen, Zuwendung signalisieren, den Patienten reden lassen, aber auch Schweigen und stumme Vorwürfe akzeptieren, gleichsam stellvertretend für das "grausame Schicksal".
Wenn es an Gesprächspartnern mangelt oder sie gerade dann nicht verfügbar sind, wenn man sie braucht, sind Selbstgespräche eine stets bereite Selbsthilfemaßnahme, die man zwar vorher trainieren muss, dann aber auch jederzeit nutzen kann.
Ist eine fachliche Therapie nötig - und das ist eigentlich immer der Fall, nur kommt sie eher selten zustande -, dann sollte man einen Psychotherapeuten bzw. einen Psychiater aufsuchen.
Werden Medikamente notwendig, sind es im Akutfall Beruhigungsmittel sowie Beta-Rezeptorenblocker, gegebenenfalls beruhigende Antidepressiva. Bei einer drohenden chronischen Entwicklung vor allem letztere, während sich die Beruhigungsmittel jetzt nur noch in kurzfristigen Krisenzeiten vertreten lassen. Kräftigende Maßnahmen wie Wechselduschen, Bürstenmassagen, Sauna, usw. können zusätzlich hilfreich sein.
Ausblick:
Natürlich sind Extrembelastungen so alt wie die Menschheit. Die Zahl der Betroffenen ist über die Jahrtausende hinweg nicht einmal schätzbar. Und auch in unserer Zeit gibt es wahrhaftig Regionen, in denen traurige und schockierende Ereignisse Furchtbarerweise an der Tagesordnung sind. Den dort lebenden Menschen wird wohl kaum adäquat geholfen, irgendwie scheinen sie dennoch zu überleben, glaubt man. Ist es deshalb angemessen, daraus eine Wissenschaft für Diagnose und Therapie zu machen, wo doch nur wenige in den Genuss einer professionellen Behandlung kommen können?
Wenn man Not lindern kann, soll man es auch bei wenigen tun, selbst wenn die überwiegende Mehrzahl davon nicht profitiert. Es sieht - gerade hinsichtlich der posttraumatischen Belastungsstörungen - ohnehin so aus, als die Zahl der darauf spezialisierten Institutionen und Fachleute in Klinik und Praxis wächst. Das ist ein Fortschritt, der aber nur dann möglich ist, wenn man klein beginnt - aber auf jeden Fall beginnt.
Noch wichtiger sind aber die Hinweise für die Allgemeinheit. Die meisten Betroffenen werden keine konkrete Hilfestellung beanspruchen. Trotzdem ist es segensreich, wenn sie selbst und ihr Umfeld über Beschwerdebild, Folgen und vor allem Betreuungs- und Selbstbehandlungsmaßnahmen informiert sind. Und hier braucht es im Grunde wenig, um sich etwas Entlastung zu verschaffen und auf Dauer wieder Tritt zu fassen. Die Basis sind Verständnis und Geduld